Climate Witness: Marco Bomio, Switzerland



Posted on 02 August 2007  | 
Mein Name ist Marco Bomio. Ich bin 54 Jahre alt und lebe in der Schweiz in Grindelwald am Fuße der berühmten Nordflanke des Eiger. Ich bin verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Ich bin wegen meiner Frau und meiner Liebe zur Natur und für den Ausdauersport hierher gekommen. Das mag auch eine Erklärung für meine Berufswahl sein, denn ich arbeite als Bergführer. Außerdem bin ich Lehrer und Schuldirektor der Mittelschule in Grindelwald.  

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Grindelwald ist ein bekanntes Reiseziel und zieht viele Touristen an. Der Urlaubsort wurde zuerst aufgrund seiner einzigartigen Lage in der Nähe der Gletscher bekannt. Bis vor ungefähr 20 Jahren konnte man sie direkt aus den Schulfenstern sehen. Damals waren die Gletscherzungen nur eine halbstündige Wanderung vom Dorf entfernt. Heute nicht mehr: Mittlerweile laufen meine Gäste und ich anderthalb Stunden, bis wir den Rand der Gletscher erreichen.  

Immer weniger Eis

Wenn ich in meinem Unterricht von der Geschichte unseres Ortes spreche, veranschauliche ich sie mit historischen Fotos. Zum Beispiel demonstriere ich, wie die Gletscher in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch bis ins Tal hinunter reichten. Damals exportierte Grindelwald das Eis und verschiffte es an Orte, die so weit entfernt lagen wie Paris und Prag. Meine Schüler sind verblüfft, wenn ich ihnen diese Dokumente zeige.  

Da ich beinahe 30 Jahre als Bergführer arbeite, erlebe ich den Rückgang der Gletscher ganz besonders. Für Bergsteiger wird es immer schwieriger, die Übergänge von Eis zu Felsen zu meistern. Oft ist der Boden im abgeschmolzenen Bereich kiesig und unsicher. Um die Überquerung solcher Zonen sicher zu machen, müssen sie mit Trittleitern oder Drahtseilen gesichert werden, so dass die Touristen sich daran festhalten können.

Der Fels fängt an zu bröckeln Die schlimmste Folge des Klimawandels ist das Auftauen der Dauerfrostböden. Dann wird der Felsen brüchig und es kommt vermehrt zu Steinschlag. Aufgrund des schwerwiegenden Rückgangs der Gletscher vermindert sich der Druck des Eises auf das Gestein. Auch die Felswände werden auf diese Weise brüchig, was zu Steinschlägen wie den im Jahre 2006 an der Ostseite des Eiger führt.  

Natürlich kann der Klimawandel nicht für jeden einzelnen Steinschlag verantwortlich gemacht werden. Doch solche Ereignisse häufen sich. Rund um Grindelwald wurden deshalb bereits einige der gefährdeten Wanderwege durch künstliche Tunnel abgesichert.  

Mehrere bekannte Höhenwege wie die Routen über die Jungfrau, das Schreckhorn und das Wetterhorn sind bereits bedroht. Die Rekord-Temperaturen im Sommer 2003 hatten hier massive Auswirkungen auf die schwindende Schneedecke und führten zu einem deutlichen Anstieg von Steinschlägen.  

Neue Aufgaben für Bergführer


Ich glaube daran, dass Bergführer ihren Beruf aufgrund ihrer Leidenschaft für die Berge und ihrer Liebe zur Natur und das Abenteuer gewählt haben. Heute werden Bergführer allerdings oft fürs Felsstabilisieren oder Aufräumarbeiten abgezogen. Diese Entwicklung hat das Berufsbild an sich verändert. Im letzten Jahr machte zum Beispiel eine Bergsteigerschule in Grindelwald einen größeren Gewinn mit den Einkünften aus Beseitigungsmaßnahmen von Geröll als aus geführten Bergtouren.  

Zu Beginn des Hitzerekord-Sommers 2003 waren die Bedingungen für uns Bergführer hervorragend. Gipfel wie der des Eiger oder des Wetterhorns konnten bereits Mitte Juni problemlos bestiegen werden, was in einem normalen Sommer erst etwa einen Monat später möglich ist. Ich wäre jedoch glücklich, wenn es nicht so wäre. Denn bei so warmem Wetter steigt die Frostgrenze auf eine Höhe von mehr als 4.000 Metern über dem Meeresspiegel. Das bedeutet, dass dann bis dorthin statt Schnee Regen fällt, die Nächte warm sind und lockerer Fels leicht abrutschen kann.  

Möglichkeiten wahrnehmen

Ich lebe in den Alpen, Europas größtem Wasserspeicher. Auch der erwartungsgemäße Rückgang der Wasserreserven aufgrund des Abschmelzens der Gletscher besorgt mich zutiefst. Dies wird außerdem die Stromerzeugung beeinträchtigen. Die Schweiz gewinnt weiterhin 60 Prozent ihrer Elektrizität aus Wasserkraft. Meine Enkelkinder werden den sorglosen Gebrauch von Wasser vermutlich nicht mehr kennen, an dem wir uns heute noch erfreuen.  

Zudem ergeben sich wirtschaftliche Folgen. Touristenorte wie Grindelwald müssen nach neuen Einkommensquellen suchen. Die ersten Schritte in diese Richtung wurden bereits unternommen. Obwohl zunächst verlacht, wächst die Beliebtheit von Wandertouren im Winter. Sicherlich wird es eine Entwicklung weg vom klassischen ski-bezogenen Wintertourismus geben, da künstlicher Schnee lediglich eine kurz- oder mittelfristige Lösung sein wird. Im Winter 2006/07 war selbst die Herstellung künstlichen Schnees einige Wochen lang unmöglich, weil die Temperaturen zu hoch waren.  

Und warum sollte man nicht ein Institut für Klimaforschung in unserem Tal einrichten? Die Untersuchungsobjekte stünden hier direkt vor der Tür.
Marco Bomio, Climate Witness, Switzerland
Marco Bomio, Climate Witness, Switzerland
© Marco Bomio Enlarge
Marco Bomio, school teacher and mountain guide in Switzerland, has witnessed a decline in local glaciers over recent years.
Marco Bomio, school teacher and mountain guide in Switzerland, has witnessed a decline in local glaciers over recent years.
© Marco Bomio Enlarge

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